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Maximale Freiheit auf der VIA NOVA



Neukirchen vorm Wald. „Beim Pilgern hob i oan troffn, von dem i scho lang nix mehr g`hört hob: mi“ - so erklärt Josef Guggenberger, Vorsitzender des Via Nova-Vereins, was für ihn das Gehen ausmacht.  Der 62-Jährige weiß, wovon er spricht: Seit April ist der frühere Bürgermeister der Gemeinde Berndorf bei Salzburg in Pension, kurz darauf machte er sich auf den Weg in die Partnerstadt Hameln in Niedersachsen. 1300 Kilometer. Zu Fuß. „Mein Plan war, einmal keinen Plan zu haben“, berichtet Josef Guggenberger. Dabei geholfen hat ihm sein Handy.

Morgens die Route wählen, zwischendrin schauen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist, am Nachmittag ein Quartier organisieren – das Handy ermöglichte ihm „maximale Freiheit“. Mit dem Gehen angefangen hat der Alt-Bürgermeister und Austragsbauer vor einigen Jahren, weil der Europäische Pilgerweg Via Nova quasi vor seiner Haustür vorbeiführt und er auch beruflich immer wieder damit in Berührung kam. Aus seiner eigenen Erfahrung heraus treibt er mit dem LEADER-Projekt „Via Nova geht neue Wege“ die Digitalisierung des grenz-überschreitenden Wegenetzes in Oberösterreich, Bayern und Tschechien voran. Ein Teilprojekt dessen ist der neue Audioguide „Bayerwald Pilger Spirit“, unterstützt von der LEADER-Aktionsgruppe Passauer Land und der LAG im Landkreis Freyung-Grafenau.

Am Freitagvormittag wurde die Fertigstellung des virtuellen Pilgerwegbegleiters und der 24 Hör-Stationen zwischen Vilshofen und Mauth/Philippsreut gefeiert. Als sich die Bürgermeister, die Verantwortlichen aus den Landratsämtern, die Vertreter aus den 16 Via Nova-Gemeinden im Bayerischen Wald und viele ehrenamtliche Pilgerwegbegleiter morgens bei der Kirche St. Kolomann bei Neukirchen zu einem kleinen Fest trafen, drangen gerade die ersten Sonnenstrahlen durch den Nebel.  Tittlings Bürgermeister Helmut Willmerdinger begrüßte die rund 50 Gäste und warb dafür, die Via Nova weiter mit Leben zu füllen. „Jeder, der Kraft braucht, soll eine Pilgerwanderung machen“, empfahl sein Kollege Georg Steinhofer aus Neukirchen vorm Wald.

„Nur, was du im Gehen siehst, bleibt dir im Gedächtnis hängen. Wir haben heutzutage so viel auf unserer ,Festplatte`, dass fast nichts mehr drauf passt. Um wirklich etwas aufzunehmen, brauchen wir eine längere ,Belichtungszeit´“, sagte Vorsitzender Josef Guggenberger. Ausdrücklich machte der Via Nova-Vorsitzende den Bayerwald-Gemeinden ein großes Kompliment für ihr Engagement und die gute Zusammenarbeit.

 „Alle haben die Texte ehrenamtlich zur Verfügung gestellt“, erklärte Geschäftsführerin Berta Altendorfer, die das Projekt koordiniert und praktisch umgesetzt hat. Sie ermutigte vor allem allein-gehende Pilger, von dem Audioguide Gebrauch zu machen. An der frisch aufgestellten Granit-Stele vor der Kirche zeigte sie auch gleich, wie das geht: Einfach den QR-Code- Scanner des Handys aktivieren und die Handy-Kamera an den QR-Code halten. Dann beginnt automatisch der Text, den Christian Scharinger vom Tonstudio Megawatt in Tiefenbach auf Deutsch und Englisch eingesprochen hat. Und was gibt es zu hören? Informationen über die jeweiligen Örtlichkeiten, spirituelle Impulse, Körperübungen und kleine Meditationen, die das Pilgern bereichern und die Wahrnehmung schärfen sollen.

 

Für eine originelle musikalische und poetische Umrahmung des kleinen Festes sorgten Walter Peschl, Otto Kenst und Josef Schiffler mit Schwammerlgedicht und Brummtopf-Instrument. Mittags gab es unter freiem Himmel Pichelsteiner-Eintopf und ein Schlückerl St. Kolomann-Wein, vorgestellt von MdL a.D. Konrad Kobler, Vorsitzender des St. Kolomann-Vereins, der auch von der Kirche Interessantes zu berichten wusste.

 

Die kalkulierten Kosten für den Audioguide betragen brutto rund 19.800 Euro. 70 Prozent kommen aus dem EU-Fördertopf LEADER für den ländlichen Raum, den Rest bringen die 16 Via Nova-Kommunen im Bayerwald auf. Pro Kommune sind das 467,50 Euro, wie Dr. Ursula Diepolder, Managerin der LAG Passauer Land, auf Nachfrage erklärte. Von den 30 bewilligten LEADER-Projekten in der laufenden Förderperiode seien 15 bereits umgesetzt. Feierlich eingeweiht wurde am Freitag auch das Projekt „Hutthurm blüht auf“.

 

Stichwort Via Nova:

Die Ideen zum Europäischen Pilgerweg Via Nova wurde im Jahr 2000 in Seekirchen/Salzburg vom damaligen Bürgermeister Johann Spatzenberger geboren und als Projekt entwickelt. Erste Etappe war 2005 die Strecke von St. Wolfgang im Salzkammergut nach Metten im Landkreis Deggendorf, finanziert mit Hilfe von EU-Mitteln aus dem INTERREG-Fördertopf. Später wurde die Strecke von Metten nach Bogen erweitert, außerdem von Vilshofen aus in den Bayerischen Wald und grenzüberschreitend nach Pribram in Tschechien. Zudem wurde der Weg westlich verlängert in Richtung Bad Abbach/Bad Gögging bis Weltenburg. Die Koordination der Aktionen und die Bewerbung rund um die Via Nova übernimmt der 2006 gegründete Verein Europäische Pilgerwege VIA NOVA e.V. , der sich auch um die Öffentlichkeitsarbeit und mit der Landvolkshochule St. Gunter in Niederalteich um die Ausbildung der Pilgerwegbegleiter kümmert. Der knallgelbe Wegweiser mit der Aufschrift Via Nova ist weithin bekannt. Obmann Josef Guggenberger, selbst Pilger und Handynutzer, legt Wert auf die Digitalisierung des Kartenmaterials. Geschäftsführerin Berta Altendorfer setzte mit den bayerischen Projektpartnern den Audioguide um.

 

 

Bildunterschriften:

1: Morgenstund hat Gold im Mund: Tittlings Bürgermeister Helmut Willmerdinger begrüßte die 50 Via Nova-Beteiligte an der noch verhüllten Stele vor der Kirche St. Kolomann.

2: Lernt  beim Gehen sich selbst wieder besser kennen: Josef Guggenberger, Vorsitzender des Via Nova-Vereins aus der Nähe von Salzburg, mit Tittlings Bürgermeister Helmut Willmerdinger (l.) und dahinter Via Nova-Geschäftsführerin Berta Altendorfer.

3: Ein moderner Pilger: Via Nova-Vorsitzender Josef Guggenberger zeigt, wie der Audioguide übers Handy funktioniert. Einfach den QR Code-Scanner aktivieren und an den Code halten. Die Stelen dafür sind aus heimischem Granit.Simone Kuhnt, Freie Journalistin/Texterin